Grashalm um Grashalm, Zahn um Zahn

Eine kleine Anregung zum Thema ist dieses Video von RocketJump:

Die Israeliten sind endlich keine Sklaven mehr. Mose führt sie aus Ägypten und sie kommen schließlich am Berg Sinai an. Gott gibt ihnen durch Mose die zehn Gebote und einige weitere Gesetzgebungen, um überhaupt ein souveränes Zusammenleben zu ermöglichen, da sie bisher nur auf Befehle horchen mussten. Er gibt ihnen Vorschriften zum Altarbau, über die Haltung von Sklaven, gibt Strafen für schwere Verbrechen vor, spricht über Körperverletzungen, Schadenersatz, Eigentumsrecht, Konsequenzen sexueller Verführung, besondere Todesstrafen, Schutzbestimmungen, Verpflichtungen gegenüber Gott, Gerechtigkeit, Fremden- und Feindesliebe, Sabbatgebote, und legt drei Jahresfeste fest. Bevor dann Mose 40 Tage und 40 Nächte auf dem Gipfel mit Gott spricht und das Volk währenddessen ihn für tot erklärt, alles Gehörte vergisst und ein goldenes Kalb zu seinem neuen überirdischen Gott erklärt, fällt die folgende, altbekannte Formulierung:

2. Mose 21,24-25 (HFA)

24 Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, 25 Brandmal um Brandmal, Wunde um Wunde, Strieme um Strieme.

Eine andere Ausdrucksweise ist heute "Wie du mir, so ich dir" – Es beschreibt das Recht auf Rache, Vergeltung und die eigenmächtige Strafung anderer. Das Motiv ist dabei, bewusst die Angst einzusetzen – präzise gesagt, die Angst vor der Rache als Konsequenz eigener Handlungen – und zielt darauf ab, unsere Gewaltbereitschaft zu dämpfen. Der Text versucht, Gewalt in der Gemeinschaft zu minimieren – auch, wenn er sich zuerst nicht danach anhört.

Dementsprechend wird diese Aussage im Lauf der Geschichte etwas anders interpretiert – als Rechtfertigung für Gewalt. Wenn ich meinen Gegner soweit entkräfte, dass er mich nicht treffen kann, brauche ich keine Angst zu haben, ihn zu schlagen, ihm etwas wegzunehmen. Ich muss in der Zukunft nur immer stärker als der andere sein, dann kann ich mir heute einfach nehmen, was ich will. Möchte ich mich einfach nur prügeln, habe ich sowieso nichts dagegen, auch einige Schläge einzustecken. Das System kippt, die Aussage wird missinterpretiert.

 

Im neuen Testament spricht auch Jesus dieses Thema an. Im Lukasevangelium kommt nach der Ernennung der zwölf Apostel die Bergpredigt, in der dieses Thema nur ein kleiner Teil ist. Es wird zwischen den Seeligpreisungen und dem Gleichnis der beiden Baumeister angesprochen:

Lukas 6,27-35 (HFA)

27 »Euch allen sage ich: Liebt eure Feinde und tut denen Gutes, die euch hassen. 28 Segnet die Menschen, die euch Böses wünschen, und betet für alle, die euch beleidigen.

29 Wenn jemand dir eine Ohrfeige gibt, dann halte die andere Wange auch noch hin. Wenn dir einer den Mantel wegnimmt, dann weigere dich nicht, ihm auch noch das Hemd zu geben.

30 Gib jedem, der dich um etwas bittet, und fordere nicht zurück, was man dir genommen hat.

31 So wie ihr von anderen behandelt werden möchtet, so behandelt sie auch. 32 Oder wollt ihr dafür belohnt werden, dass ihr die Menschen liebt, die euch auch lieben? Das tun selbst die Leute, die von Gott nichts wissen wollen. 33 Ist es etwas Besonderes, denen Gutes zu tun, die auch zu euch gut sind? Das können auch Menschen, die Gott ablehnen. 34 Was ist schon dabei, Leuten Geld zu leihen, von denen man genau weiß, dass sie es zurückzahlen? Dazu braucht man nichts von Gott zu wissen.

35 Ihr aber sollt eure Feinde lieben und den Menschen Gutes tun. Ihr sollt ihnen helfen, ohne einen Dank oder eine Gegenleistung zu erwarten. Dann werdet ihr reich belohnt werden: Ihr werdet Kinder des höchsten Gottes sein. Denn auch er ist gütig zu Undankbaren und Bösen.«

Als erstes scheint Jesus das genaue Gegenteil zu sagen. Auch klingt es für uns ziemlich paradox und unfair. Sollen wir etwa Masochisten werden, uns selbst schaden wollen? Das könnte mitunter selbstmörderisch werden. Aber nehmen wir mal an, wir würden uns exakt so verhalten, was wäre die Reaktion unseres Gegenübers? Angenommen, jemand wird ohne große Vorgeschichte so wütend auf uns, dass er uns ohne großen Wortwechsel eine klatscht. Wir fangen uns relativ schnell, machen wieder einen Schritt auf ihn zu – und tun nichts. Warten. Halten den Kopf etwas zur anderen Seite, damit er unsere andere Wange gut erreichen könnte. Schauen ihm in die Augen, deutlich, ohne großartige Wut zu zeigen. Wie reagiert der andere?

Ich kann mir gut vorstellen, würde mir jemand so entgegenkommen, nachdem er von mir eine gewischt bekommen hat, ich wäre total verunsichert. Auch wenn es uns vielleicht nicht unmittelbar bewusst ist, wollen wir doch eine bestimmte Wirkung erzielen, zumindest erwarten wir ein bestimmtes Verhalten. Etwas so unvorhergesehenes wirft uns doch vollkommen aus der Kurve! Unsere Aktion ist plötzlich sinnlos, weil sie ihr Ziel verfehlt. Eine Wiederholung ist sehr unwahrscheinlich. Bestimmt kommt die Frage auf warum dieser Mensch gerade so seltsam reagiert hat. Es kann unser Interesse wecken.

 

Im Prinzip hat Jesus mit dieser Forderung also den Spieß nur umgedreht – Die frühere Sicht orientierte sich am Verhalten der anderen und war damit zu instabil. Es brauchte nur einen, der die Konsequenzen ignorierte und Krieg flammte auf. Die "neue" Sichtweise ist viel stabiler, weil sie gesellschaftszentriert ist. Sie ist unabhängig vom Verhalten der anderen – Egal was die anderen tun, auch wenn ich den ein oder anderen Hieb abbekomme, ich schlage prinzipiell nicht zurück. Das erhöht die Erfolgschancen des Ideals drastisch. Es erstickt den typischen Teufelskreis im Keim, es wird keine Angriffsfläche geboten, an der der Streit sich hochschaukeln könnte. Außerdem reduziert es den Kollektivschaden. Es stabilisiert Gesellschaft bereits, wenn nur einer Ideologie beachtet und macht jede zusätzliche Promotion der Ideologie überflüssig. Ein einzelner in einer Horde von Menschen, die machen, was sie wollen, kann theoretisch jeden, der an ihn gerät, allein durch seine konsequente Ablehnung von Gewalt von ebendieser Ideologie überzeugen, wenn dieser erkennt, wie schnell die Sache geklärt ist, wenn dem Streit plötzlich aller Wind aus den Segeln genommen ist. Eine Propagandaaktion zur Ablehnung von Gewalt ist gar nicht nötig.

 

Im Anschluss daran sagt Jesus:

Lukas 6,36-42 (HFA)

36 »Seid so barmherzig wie euer Vater im Himmel! 37 Richtet nicht über andere, dann werdet ihr auch nicht gerichtet werden! Verurteilt keinen Menschen, dann werdet auch ihr nicht verurteilt! Wenn ihr bereit seid, anderen zu vergeben, dann wird auch euch vergeben werden. 38 Gebt, was ihr habt, dann werdet ihr so reich beschenkt werden, dass ihr gar nicht alles aufnehmen könnt. Mit dem Maßstab, den ihr an andere legt, wird man auch euch messen.«

39 Wenn Jesus zu den Menschen sprach, gebrauchte er immer wieder Gleichnisse: »Wie kann ein Blinder einen anderen Blinden führen? Werden sie nicht beide in den Abgrund stürzen? 40 Ein Schüler steht nicht über seinem Lehrer. Im besten Fall kann er werden wie sein Lehrer, wenn er alles von ihm gelernt hat.

41 Warum siehst du jeden kleinen Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? 42 Du sagst: ›Mein Bruder, komm her! Ich will dir den Splitter aus dem Auge ziehen!‹ Dabei erkennst du nicht, dass du selbst einen Balken in deinem Auge hast. Du Heuchler! Entferne zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du klar sehen, um auch den Splitter aus dem Auge deines Bruders zu ziehen.«

Jetzt wird das ganze auf die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen projiziert, es geht um die eigene Meinung über andere und dass unsere "Fairness" direkt mit unserer Bewertung vor Gott zusammenhängt. Der Fokus liegt auf dem Gedanken statt der Aktion. Außerdem wird uns versprochen, dass es nicht bei dem "Opfer" bleibt, was wir mit der Befolgung der "neuen" Ideologie zugunsten der Gemeinschaft auf uns nehmen, sondern dass wir dafür übermäßig belohnt werden würden. Auch sollen wir unsere eigene Unfähigkeit erkennen. Wir sollen nicht auf jemanden herabschauen, weil er irgendetwas anders macht, als wir es für richtig halten. Wir sollen Hochachtung vor ihm haben aufgrund allem, was er uns vorraus hat. Wir sollen uns gegenseitig ergänzen, statt uns zu berichtigen zu versuchen. Es ist eine Frage des Respekts, es geht um die Anerkennung des Anderen. Das erstickt wiederum respektlose Aktionen im Keim – Vieles, was bereits in den zehn Geboten angesprochen wird: Du sollst Vater und Mutter ehren, nicht lügen, stehlen, ehebrechen oder sogar morden.

 

Im Matthäusevangelium wird sich an diese Stelle nicht ganz unähnlich erinnert:

Matthäus 5,21-26 (HFA)

21 »Wie ihr wisst, wurde unseren Vorfahren gesagt: ›Du sollst nicht töten! Wer aber einen Mord begeht, muss vor ein Gericht.‹ 22 Doch ich sage euch: Schon wer auf seinen Bruder zornig ist, den erwartet das Gericht. Wer zu seinem Bruder sagt: ›Du Idiot!‹, der wird vom Obersten Gericht verurteilt werden, und wer ihn verflucht, dem ist das Feuer der Hölle sicher.

23 Wenn du eine Opfergabe zum Altar bringst und dir fällt plötzlich ein, dass dein Bruder dir etwas vorzuwerfen hat, 24 dann lass dein Opfer am Altar zurück, geh zu deinem Bruder und versöhne dich mit ihm. Erst danach bring Gott dein Opfer dar. 25 Setz alles daran, dich noch auf dem Weg zum Gericht mit deinem Gegner zu einigen. Sonst wird der Richter dich verurteilen, und der Gerichtsdiener wird dich ins Gefängnis stecken. 26 Und ich sage dir: Von dort wirst du nicht eher wieder herauskommen, bis du auch den letzten Rest deiner Schuld bezahlt hast.«

Zum einen wird der Fokus auf der Ideologie verdeutlicht. Die Gedanken werden in ihrer Wertigkeit beinahe gleichgestellt mit den letztendlichen Taten. So soll gleich die Grundlage für jegliche Gewalt genommen werden. Wir sollen eigentlich nicht im Traum daran denken, jemandem etwas zu Leide tun zu wollen. Zum anderen stellt Jesus eindeutig die Priorität Gottes klar: Es geht eben nicht um die strikte Einhaltung seiner Gebote um ihretwillen, sondern die Gebote und Vorgaben zielen alle auf ein gutes gesellschaftliches Zusammenleben und die Zwischenmenschlichkeit ab.

 

Wo die Formulierung aus dem alten Testament etwas brutal, aber logisch und fair klingt, erscheint uns die Aussage von Jesus ersteinmal völlig irrational. Bei näherer Betrachtung kommt es uns aber wie das Rezept für den Himmel auf Erden vor, als wenn dadurch alle Menschen tatsächlich eine Chance hätten, komplett friedlich miteinander zu leben. Dabei wird uns von Gott sogar versprochen, dass wir keine "Opfer" bleiben, sondern übermäßig belohnt würden. Gottes Fokus liegt auf einem Ideal des menschlichen Zusammenlebens, nicht auf den Gesetzen, weil die uns eigentlich nur dahin führen sollen. Vielleicht gelingt es uns schon heute, Teufelskreise einfach zu unterbrechen und damit unsere Umgebung positiv zu beeinflussen.

 

Wenn Du dich dafür entscheidest, wünsche ich Dir jetzt ganz besonders Gottes Segen.

Credits

Impressum | Datenschutz | Cookie Policy | Sitemap
Bei der Weiterverwendung von Bild & Texten, ist die Verlinkung zu beachten. Verwendete Kalender-Inhalte stammen von: >> http://bmv.adventjugend.de/